Alles in einen Topf – die Stuttgarter Zeitung über den Umzug in die Quellenstraße

Heute hat die Stuttgarter Zeitung über den Umzug der ehemaligen Bewohner_innen der Lübecker und Dessauer Straße in die Quellenstraße berichtet. Sie müssen die Wohnungen im Hallschlag verlassen, weil sie im Auftrag der SWSG – unterstützt mit Geldern aus dem Programm Soziale Stadt – abgerissen werden sollen. In dem Artikel wird nicht nur über den Umzug aus den Wohnungen in der Lübecker und Dessauer Straße in die Systembauten in der Quellenstraße berichtet, sondern auch über Umzüge aus Erstaufnahmeeinrichtungen in so genannte Anschlussunterbringungen. Dabei geht es um etwas völlig anderes als bei der Umsiedlung im Hallschlag: Die Wohnungen in der Lübecker und Dessauer Straße waren nicht Teil einer Erstaufnahmeeinrichtung, in der geflüchtete Menschen vorläufig untergebracht werden, sondern dienten als Anschlussunterbringung für Menschen, über deren Asylantrag bzw. Folgeantrag bereits entschieden worden ist, denen ein Aufnahmetitel erteilt wurde, oder die bereits zwei Jahre in einer Gemeinschaftsunterkunft – also in einer Erstaufnahmeeinrichtung – verbracht haben. Es geht also um Menschen, denen es nicht möglich war, eigenständig eine Wohnung zu finden und für die Städte und Gemeinden verpflichtet sind, eine Anschlussunterbringung anzubieten. Entsprechend haben die Menschen begonnen, sich in der Lübecker und Dessauer Straße einzurichten bzw. versucht von hier aus eigene Wohnungen zu finden.

Es ist richtig, dass ein Abriss der Häuser in der Lübecker und Dessauer Straße von Anfang an im Raum stand. Aufgrund fehlender Wohnungen für Menschen mit wenig Einkommen – siehe hierzu auch die Stadt Stuttgart unter: https://www.stuttgart.de/wohnen-in-stuttgart – und der Tatsache, dass es sich bei der SWSG um eine kommunale Städte- und Wohnungsbaugesellschaft handelt, die sich selbst die Aufgabe zuschreibt lebenswerten und preisgünstigen Wohnraum zu schaffen (siehe: http://www.swsg.de/swsg/auftragnehmer.html), war aber nicht zwangsläufig auszuschließen, dass die SWSG die Wohnungen doch erhält. Da die SWSG jedoch an ihren Abrissplänen festhält, müssen nun alle Wohnungen leer geräumt werden. Der Bericht der Stuttgarter Zeitung und auch der dazu verfasste Kommentar gehen zwar kurz darauf ein, dass die Menschen jetzt aus einem Wohngebiet in ein Gewerbegebiet umgesiedelt werden, zeigen aber nicht wirklich auf, was das für die Menschen bedeutet.

Die Menschen, die jetzt ihre Wohnungen in der Lübecker und Dessauer Straße verlassen müssen, verlieren persönlichen Wohnraum, in dem sie begonnen haben, sich einzurichten. Weil sie in den Systembauten in der Quellenstraße deutlich weniger Platz haben werden, müssen sie sich von Dingen trennen, mit denen sie angefangen haben, sich hier ein neues Leben aufzubauen, nachdem sie in den Ländern, aus denen sie geflüchtet sind, alles verloren haben. Sie werden ab jetzt in einem Gewerbegebiet leben und haben dort keine direkten Nachbarn mehr. Die Schulen, die die Kinder besuchen, sind schlechter erreichbar, die Freizeitangebote, die sie im Mauga Nescht und im Jugendhaus Hallschlag genutzt haben, der FC Stuttgart, bei dem einige Kinder angefangen haben Fußball zu spielen, und besonders der Aktivspielplatz Dracheninsel direkt neben den Wohnungen in der Dessauer Straße, in dem viele der Kinder ein und aus gegangen sind, sind viel schlechter – für jüngere Kinder sicher gar nicht mehr – erreichbar.

Viele der Menschen, die in der Lübecker und Dessauer Straße gewohnt haben, waren aktiv auf Wohnungssuche, aber es sind nur wenige, denen es tatsächlich gelingt, etwas Eigenes zu finden. Enstprechend schreibt Pro Asyl: „Gerade angesichts der allgemeinen Diskriminierung von Migrant/innen auf dem Wohnungsmarkt (vgl. Kilic 2010) haben Flüchtlinge, […] bei der Wohnungssuche ohne besondere Unterstützung kaum eine Chance.“ (online unter: https://www.proasyl.de/wp-content/uploads/2014/09/Laendervergleich_Unterbringung_2014-09-23_02.pdf, S. 69)

Laut der Mieterinitiative Hallschlag wäre es möglich die Häuser in der Lübecker und Dessauer Straße zu sanieren und hier günstigen Wohnraum zu erhalten. Wenn die Familien, die jetzt in Systembauten in der Quellenstraße untergebracht werden, hier als reguläre Mieter und Mieterinnen hätten unterkommen können, wäre das für sie sicher ein großer und wichtiger Schritt gewesen, um in dieser Stadt wirklich ankommen zu können. Jetzt werden sie zurückgeworfen und fangen wieder von vorne an.